Die Geschichte der Kirchengemeinde

Die beeindruckende, Jahrhunderte alte Kirche steht im Bereich der Gemeinde Quarnbek. Historische Forschungen zur Entstehungsgeschichte dieser Kirche legen nahe, dass flämische Tuchhändler Anfang des 13. Jahrhunderts deren Erbauer waren. Der aus Feldsteinen aufgerichtete Bau diente den Flamen nicht nur als Kirche, sondern war zugleich Aufbewahrungsort für ihre Handelswaren (Kaufmannskirche).

Außenansicht mit Glockenstuhl und Südseite der Kirche (2021)
Außentür der Kirche, Kupfertreibarbeit mit dem Motiv "Menschen auf dem Weg zur Kirche"
Blick in den Innenraum der Kirche
Ein zehnarmiger Kronleuchter in der Flemhuder Kirche.
Der Flemhuder Pastor Hohenholz ließ Ende des 17. Jahrhunderts den zehnarmigen Kronleuchter zum Gedächtnis an seine Frau und seine beiden Kinder anfertigen, die innerhalb eines Jahres verstorben waren
Bild eines Altarausschnittes
Fünf Putten tragen das Kreuz zum in Gethsemane betenden Jesus.

Das unmittelbar über dem Ufer des Flemhuder Sees stehende schlichte Gebäude ohne Glockenturm war zwar stark dem Wetter ausgesetzt, aber hochwassersicher und per Schiff gut erreichbar (Hude = Schiffsanlegeplatz). Nach der Fahrt der Handelsschiffe über Nordsee, Eider und Flemhuder See wurden hier die Waren der Tuchhändler für den beschwerlichen, aber relativ kurzen Weitertransport über Land Richtung Ostsee umgeladen oder zwischengelagert.

Weil im Laufe der Zeit in dem unwegsamen Waldgebiet auch zwischen Flemhuder See und Kiel nach Rodungen Dörfer entstanden waren, wurde die Flemhuder Kirche schon bald eine Gemeindekirche (Kirchspiel Flemhude urkundlich erstmals 1316 erwähnt). Für deren Unterhalt hatten die zum Kirchspiel gehörenden adligen Gutsherren zu sorgen. Mit dem Besitz des Gutes Quarnbek wurde zugleich das noch heute bestehende Recht verknüpft, den Vorschlag für die personelle Besetzung der Flemhuder Pfarrstelle abzugeben (Patronatsrecht).

Ein altes Bild von der Flemhuder Kirche am Ufer des Flemhuder Sees.
Die Flemhuder Kirche stand vor dem Kanalbau am Ufer des Flemhuder Sees.

In der für Norddeutschland relativ ungewöhnlichen Auswahl der namengebenden Schutzheiligen der Kirche spiegeln sich die beiden genannten Entwicklungslinien wider: Mauritius (der Märtyrer) als Schutzpatron der Tuchmacher und Färber, Georg (der Drachentöter) als Schutzpatron der Krieger und Ritter. Darstellungen der beiden Kirchenpatrone finden sich in der Kirche nicht.

Das Kircheninnere war ehemals durch eine Tür an der Nordseite (für Frauen) und eine an der Südseite (für Männer) zugänglich. Neuere Forschungen zeigen aber, dass nicht die Trennung der Geschlechter der Hauptgrund für den doppelten Zugang war, sondern dass die beiden Türen bei den in der katholischen Kirche wichtigen Prozessionen einen Rundgang ermöglichten. An der Südseite gab es in östlicher Richtung, zum Altarraum hin, außerdem noch einen Zugang für den Priester, denn die katholischen Geistlichen achteten auf räumlichen Abstand von den Laien. Eine Tür an der Westseite wie heute gab es nur vorübergehend. Diese Wetterseite war über lange Zeit nur von Fenstern durchbrochen. Der jetzige Westeingang wurde erst 1962 wieder hergestellt.

Erste Hinweise auf Einflüsse der lutherischen Lehre gibt es für Flemhude um 1527. Mit der Kirchenordnung von 1542 wurde die Reformation im Lande festgeschrieben. Der vorreformatorischen Zeit werden die Reste von Wandmalerei innen an der Nordwand zugeordnet. Dieses Geißelungsbild wurde erst 1908 wiederentdeckt.

Außerdem stammt der Anbau an der nördlichen Außenwand aus der Zeit vor der Reformation, damals die Sakristei der Kirche, seit 1962 die Aufbahrungshalle über der Gruft im Untergeschoss mit Sarkophagen der Familie von Ahlefeldt. Bis dahin war das so genannte Kapellchen auf dem Friedhof am Ortsrand (dort seit 1853) der Aufbahrungsraum.

Die Wetterseite im Westen am Ufer des Flemhuder Sees war über lange Zeit nur von Fenstern durchbrochen. Der jetzige Westeingang wurde erst 1962 wieder hergestellt.
Foto einer Wandmalerei aus vorreformatorischer Zeit innen an der Nordwand.
Reste einer Wandmalerei aus vorreformatorischer Zeit innen an der Nordwand.
Eine alte Postkarte mit dem Anbau an der nördlichen Außenwand der Kirche
Eine alte Postkarte mit dem Anbau an der nördlichen Außenwand aus der Zeit vor der Reformation, damals die Sakristei der Kirche über der Gruft im Untergeschoss mit Sarkophagen der Familie von Ahlefeldt.

Im Innern der Flemhuder Kirche zieht der säulengerahmte, zweistöckige Barockaltar noch immer die Blicke auf sich: Im Zentrum die Gethsemane-Szene mit dem betenden Jesus und darüber Jesus mit der Dornenkrone vor Pilatus. Diese Passionsthematik setzt die Geißelungsszene an der Nordwand fort. Der Altar wurde von dem Bildschnitzer und Steinbildhauer Theodor Allers geschaffen. Stifter war der Quarnbeker Gutsbesitzer und Kirchenpatron Hans Henrich von Kielmansegg, der Gut Quarnbek 1667 gekauft hatte. 1685 wurde der Allers-Altar in der durch den 30-jährigen Krieg arg mitgenommen Kirche aufgestellt. Der damalige Flemhuder Pastor Hohenholz rühmt von Kielmansegg auf der inzwischen an der Hinterseite des Altars befindlichen Stiftertafel gebührend.

Auch der Pastor selber trug zur  Verschönerung des Raumes bei.  Ende des 17. Jahrhunderts ließ er für die Kirche den zehnarmigen  Kronleuchter zum Gedächtnis an seine Frau und seine beiden Kinder anfertigen, die innerhalb eines Jahres verstorben waren (Grabplatten in der Aufbahrungshalle).

Ein Bild des Altars in der Flemhuder Kirche, der von Theodor Allers geschaffen wurde.
Der Altar in der Flemhuder Kirche wurde von Theodor Allers geschaffen. Stifter war der Quarnbeker Gutsbesitzer und Kirchenpatron Hans Henrich von Kielmansegg.
Stiftertafel an der Rückwand des Altars
Detail des Altars mit Verweis auf den Bildschnitzer und Steinbildhauer Theodor Allers.
Detail des Altars mit Verweis auf 1685, das Jahr der Errichtung.

1708 wurde das Kircheninnere durch den Einbau einer Südempore eingeengt, die vermutlich notwendig geworden war, weil durch inzwischen eingebaute logenartige Stühle für die zum Kirchspiel gehörenden Güter Sitzplätze weggefallen waren. Für diese Gutsstühle wurden im 18./19. Jahrhundert an der Kirche Außenaufgänge vorgebaut (vorhanden bis 1962). Im 18. Jahrhundert war außerdem die ehemalige Priestertür mit einem Vorhaus versehen worden, in dem vor der Beerdigung die Särge abgestellt worden sein sollen.

Der bauliche Zustand der Flemhuder Kirche wurde infolge von Kriegen und Alter immer schlechter. Dank des Patrons Jean Henri Desmercières, Besitzer von Quarnbek wahrscheinlich ab 1723, konnte 1765 der Dachstuhl erneuert und das Dach mit Kupferplatten statt der bisherigen Holzschindeln eingedeckt werden. 1766 wurde das Kirchendach mit einem Türmchen geziert, inzwischen eine Art Wahrzeichen der Kirche. Eine Glocke hat in dem Dachreiter nie gehangen. Dafür gab es schon immer den separaten Glockenstuhl. 1897 wurde das Türmchen erstmals mit einer Uhr versehen.

Im Innenraum hat Desmercières die Holzbalkendecke erneuern und verputzen lassen. Außerdem wurde diese mit einem schmückenden Profilrahmen eingefasst. Um die Aufhängung des Kronleuchters wurde zur Zierde eine Rokokoranke stuckiert.

Der Kirchenpatron Jean Henri Desmercières starb 1778 in Kopenhagen. 1779 wurde sein Sarg, wie in seinem Testament festgelegt, nach Flemhude überführt und in einem mächtigen Marmorsarkophag in dem bescheidenen Gruftanbau an der Ostwand der Kirche beigesetzt.

Bild von Außenaufgängen in Gutsstühle in der Kirche.
Für Gutsstühle wurden im 18./19.Jahrhundert an der Kirche Außenaufgänge vorgebaut (vorhanden bis 1962).
Gedenktafel an den Patron Jean Henri Desmercières, 1778 in Kopenhagen gestorben.
Gedenktafel an den Patron Jean Henri Desmercières, Besitzer von Quarnbek wahrscheinlich ab 1723. Desmercières starb 1778 in Kopenhagen. 1779 wurde sein Sarg an der Ostwand der Kirche beigesetzt.
Bild von dem Marmorsarkophag von Jean Henri Desmercières.
1779 wurde Kirchenpatron Jean Henri Desmercières in einem mächtigen Marmorsarkophag in dem bescheidenen Gruftanbau an der Ostwand der Kirche beigesetzt.

Im Laufe der Zeit wurden an und in der Flemhuder Kirche noch etliche Veränderungen und Renovierungsmaßnahmen durchgeführt, u.a. die Verbreiterung der vier gotischen Fenster im Altarraum, eine bis 1922 existierende neugotische Verblendung des Südportals, der Einbau der klassizistischen Kanzel 1828, die Ausmalung der Innenwände mit Ranken, Steinquadern und Scheinvorhängen sowie eine blau-schwarze Farbgebung der Einrichtung. Seit dem Jahr 2000 schmücken vier Fenster im Kirchenschiff vier Evangelisten-Medaillons, ursprünglich für Fenster im Altarraum zwischen 1909 und 1914 von Gemeindemitgliedern gespendet. Sie wurden in der damals sehr bekannten Glasmalerei Müller in Quedlinburg gefertigt.

Altes Bild vom Kircheninneren mit einer Südempore.
1708 wurde das Kircheninnere durch den Einbau einer Südempore eingeengt.
Fenster im Kirchenschiff mit dem Evangelisten Matthäus
Seit dem Jahr 2000 schmücken vier Fenster im Kirchenschiff Evangelisten-Medaillons, hier Matthäus.
Fenster im Kirchenschiff mit dem Evangelisten Johannes
Seit dem Jahr 2000 schmücken vier Fenster im Kirchenschiff Evangelisten-Medaillons, hier Johannes.
Die klassizistische Kanzel von 1828.
Die klassizistische Kanzel von 1828 geschaffen von Axel Bundsen.
Fenster im Kirchenschiff mit dem Evangelisten Lukas
Seit dem Jahr 2000 schmücken vier Fenster im Kirchenschiff Evangelisten-Medaillons, hier Lukas.
Fenster im Kirchenschiff mit dem Evangelisten Markus
Seit dem Jahr 2000 schmücken vier Fenster im Kirchenschiff Evangelisten-Medaillons, hier Markus.

Die umfangreiche Renovierung von 1962 gab dem Kircheninneren die helle Farbgebung wieder und erweiterte den Raumeindruck durch das Entfernen der Seitenempore und der Gutsstühle. Nur vom Quarnbeker Patronatsstuhl blieb die Brüstung erhalten. Der seit 1947 an der Orgelempore befindliche Propheten- und Apostelzyklus des Malers Friedrich Mißfeldt wurde unter einer Verbretterung verborgen.

1985 musste der Dachreiter abgenommen und saniert werden, 2000 folgte eine Renovierung von Decke und Wänden im Innenraum. Eine große Aufgabe war für die Kirchengemeinde auch die Erneuerung der Orgel. 2013 konnte diese, erbaut von der Firma von Beckerath aus Hamburg, festlich eingeweiht werden.

Bild der Orgel von 2013
2013 konnte eine neue Orgel, erbaut von der Firma von Beckerath aus Hamburg, festlich eingeweiht werden.
Raumeindruck des Kircheninneren nach der Renovierung von 1962.
Die umfangreiche Renovierung von 1962 gab dem Kircheninneren die helle Farbgebung wieder und erweiterte den Raumeindruck durch das Entfernen der Seitenempore und der Gutsstühle.

Auch wenn die Flemhuder Kirche durch den Bau des Nord-Ostsee-Kanals und des Ringkanals nicht mehr eindrucksvoll am Ufer des Flemhuder Sees steht, auch wenn die Kirche längst nicht mehr für alle Menschen, die im Bereich der Kirchengemeinde leben, eine Bedeutung hat – der Schlichtheit, Schönheit und Würde dieses ältesten Bauwerks in der Gemeinde Quarnbek kann sich auch heute noch kaum ein Betrachter entziehen.

Text: Gerlind Lind

Fotos: Archiv KG Flemhude (2), Postkartensammlung Horst Kay (2), Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein (2 von 1957 und 1964), Gerlind Lind (17)

De-Mail ermöglicht eine nachweisbare und vertrauliche elektronische Kommunikation. Zudem kann sich bei De-Mail niemand hinter einer falschen Identität verstecken, denn nur Nutzer mit einer überprüften Identität können De-Mails versenden und empfangen.

Wenn Sie uns eine De-Mail an die oben angegebene Adresse senden möchten, benötigen Sie selbst eine De-Mail-Adresse, die Sie bei den staatlich zugelassenen De-Mail-Anbietern erhalten.

Informationen, Erläuterungen sowie Antworten auf häufig gestellte Fragen finden Sie auf der Website www.de-mail.de des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat. Über Ihre konkreten Möglichkeiten, De-Mail für die Kommunikation mit Unternehmen und Behörden zu nutzen, informiert Sie www.de-mail.info.