Sonntag Kantate 2. Mai 2021               Lk 19, 37ff

Pastor Andreas lux

 

 

Es gibt Orte, da steht man da, schaut sich um: verwundert, erstaunt, neugierig:

 

Es sind alte Orte in der Regel, nichts Neues. Bunker in Großstädten, oder aufgelassene Sanatorien, wo jetzt die Brennesseln im Heilschwimmbad wachsen oder die Krankenbetten vor sich hinrosten. Ruinen vielleicht, damals der Reichstag, Anfang der Achtziger oder überhaupt diese Ecke Berlins in jenen Tagen. Oder das Heidelberger Schloss, aber nein: das ist ja fast eine künstliche Ruine. Eher eine alte Dorfschule, nunmehr zum Abriss frei: da mal reingehen und stöbern können!

 

Es gibt also Orte, da stehst du und denkst: Wenn diese Steine hier reden könnten! Was hätten die zu erzählen! Wenn diese Mauern all den Angstschweiß und die Tränen wiedergeben könnten, die in ihnen geflossen. Oder helle, lichte, laute Momente, fröhliches Geschrei und Lärm vergangener Tage: rauschende Feste, lange vorbei. Ein Festsaal, wo du jetzt durch den morschen Boden brichst.

 

Wenn diese Steine reden könnten. Können sie?

 

Die Steine unserer Kirche sind schon lang zusammengefügt, und oft schon habe ich mich gefragt, was dieses Haus schon alles gesehen hat. Was für Menschen hindurchgegangen sind. Freud und Leid, natürlich, die Feste im Jahreskreis und im Lebenslauf, Hochzeiten und Trauerfeiern und Heiligabende, lange schon vorbei. Aber können diese Steine reden?

 

Es gibt eine ganze Zunft von Forschern, die bringen in der Tat die Steine zum Reden. Sie lesen in ihnen wie in einem offenen Buch: die Geologen. Die nehmen den Stein in die Hand, und der Stein fängt an ganze Opernarien abzusingen. Über kochende Vulkane und pampige rote Lava, über längst vertrocknete Ozeane und ihre kuriosen Bewohner. Erzählt ganze Sagas über Meteoriteneinschläge oder Temperaturen, die Stein zum Schmelzen bringen. Und erzählt beredt vom Drama vergehender Zeitalter. Aber du nimmst den Stein in die Hand, und er schweigt dich verstockt an.

 

Können Steine reden? Grabsteine können reden, aber sie sind meist sehr diskret. Selten finden wir wirklich etwas über den, der drunter liegt. Grabsteine sind zum Reden da, sie sollen sprechen, aber sie sind eher verschwiegen. Und selten nur sind sie Denkmäler.  

 

Denkmäler sind wirklich zum Sprechen da, aber, o Schreck, ihnen hört eh keiner zu. Sie verbreiten entweder geballte Moral. Oder doch allzuviel Belastendes, was willst du dich ausgerechnet jetzt damit abgeben. Wenn Steine reden könnten, dann hätten sie nämlich oft von Dingen zu erzählen, die wir vielleicht gar nicht hören möchten.

 

Eine kurze Szene aus dem Neuen Testament legt noch eins drauf. Sie spielt sich ab, als Jesus zur Stadt Jerusalem kommt, bald bevor seine Geschichte aufs Ende zuläuft.

 

Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Und einige Pharisäer in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.            

 

Hier endet die Geschichte. Und sie endet angsteinflößend. Schreiende Steine. Können Sie sich das vorstellen, dass die Steine hier anfangen zu schreien? Das hat etwas Alptraumartiges. Denn das Schreien kann ich mir nicht lustig vorstellen oder heiter. Das hat etwas Quälendes oder Gequältes. Oder Aggressives auch. Wenn die Steine schreien, können wir nur Reißaus nehmen. Es wäre zu monströs.

 

Ich glaube nicht, dass Jesus mit diesem bedrückenden Bild sagen will: Wenn meine Jünger mich nicht bejubeln dürfen, dann wird eben die unbelebte Natur jubeln. Vielleicht mag der ein oder andere das so verstehen. Ich glaube, diese dämonischen schreienden Steine weisen auf ganz anderes, und nichts Gutes.

 

Wir bringen die Materie ringsum nicht zuerst mit Klängen oder Geräuschen in Verbindung. Dabei kennen wir eine Vielzahl davon.

Das Gewitter,

der brüllende Sturm,

der gepeitschte Ozean,

das Rauschen im Äther.

Das Vogelkonzert am Frühlingsmorgen.

Oder gar: die beängstigende, redende Stille.

 

Früher sprach man von Sphärenklängen, von Sphärenmusik. Man meinte, dass dieser ganze Kosmos eine einzige harmonische und wohlgebaute Angelegenheit ist mit harmonischen und wohlproportioniertem Grundton. Alles was ist, ist Schwingung, sind Wellen, so ähnlich erklären Physiker das – wenn ich sie richtig verstehe. Und Geräusch und Licht und Farben und Berührungen sind alles Wellen,. Sind nur Stufen einer einzigen Leiter.

 

Der Apostel Paulus, anbei, hört nichts von Harmonie und Weltenklang: Für ihn ist die ganze Schöpfung am Seufzen und Stöhnen, Und sehnt sich danach, dass schließlich alles gut wird. Dass die Tränen getrocknet werden, die Wunden geheilt und die Risse verbunden. Dass nichts so bleibt wie’s ist! Und Jesus kommt mit seinem Ausspruch, finde ich, noch derber und unheimlicher einher. Gewalttätiger! Die schreienden Steine erinnern an das Blut des Abel, das von Kain vergossen wurde und nun von der Erde schreit bis zur Stunde. Und erinnert mich an den Schrei, mit dem er selber sein Leben aushauchen wird: Mein Gott, warum hast du mich verlassen?

 

Wenn diese hier schweigen, dann werden die Steine schreien. Die Jünger haben schließlich geschwiegen, als es mit Jesus vorbei war. Und die Steine haben geschrien, denn eine Generation später wird dort, wo Jesus einzieht, alles dem Erdboden gleichgemacht, abgebrochen, abgebröselt, abgefackelt, und ein Gemetzel wird anheben. Und bald darauf wird dann endgültig tabula rasa gemacht mit dem jüdischen Volk in Israel. Die Möglichkeit der Vernichtung spielt schon zu Jesu Zeiten vor aller Augen.

 

Erst allmählich werden sich die ganz und gar verstummten Anhänger Jesu wieder zusammenfinden. In den Wochen nach Ostern. So wird es den Jüngern gehen. Die Pharisäer wiederum werden das Samenkorn bilden für ein neues Judentum, das aus der Katastrophe jener Jahre hervorwächst.

 

Dieses Bild von den schreienden Steinen lässt sich weiter finster ausmalen. Aber wer möchte immerfort vor diesem Bild von Edward Munk stehen bleiben? Der Schrei?

 

Wenn diese Steine reden könnten, sie würden Geschichten erzählen: Gute und schlechte, romantische und nüchterne. Vielleicht würden wir uns auch wundern. Manchmal sind es nur die Steine, die übrigbleiben. Und irgendwann nicht mal die, dann redet und schreit gar nichts mehr. Vielleicht nur noch die Schwingungen des Kosmos, von denen wir ein Teil sind. Und diese Schwingungen, liebe Gemeinde, Wellen und Energie, werden erzählen von der Herrlichkeit Gottes.

 

Amen

 

 

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