Pfingsten 2021 Turmbau

 

Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.

Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.

Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.

Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!

So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.

 

Adam und Eva, Vertreibung aus dem Paradies, Kain und Abel, Noah und die große Flut, schließlich der Turmbau zu Babel: das sind die Geschichten aus der Bibel, die noch einigermaßen bekannt sind. Die werden in der Kita erzählt, zum Teil jedenfalls. Und an ihnen haben sich die Künstler früherer Zeiten abgearbeitet: Der Turmbau von Breughel, Adam und Eva von Cranach. Wenn ich Sie frage: Was kennen Sie denn so aus unserer Bibel? Dann wird die ein oder andre Geschichte aus dieser Sammlung wahrscheinlich nicht fehlen.

 

Wenn du dir diese Sachen aber mal genauer anschaust, dann wirst du ausgesprochen ernüchtert. Das sind eigentlich gar keine netten Kindergartengeschichten. Allesamt erzählen sie die Story eines Fehlschlags. Fast kannst du sagen: einer ungeheuren Stümperei.

 

Wenn ein Gott sich erst sechs Tage plagt und selbst am Ende Bravo sagt

Dann muss es was Gescheites werden!

 

sagt der Teufel Mephisto in Goethes Faust. Er meint es nicht ganz ernst. Auch in unserer Bibel kommt Gottes sehr zufriedenes siehe es war sehr gut angesichts seiner Schöpfung etwas voreilig. Hinterher nämlich sieht man Gott mit allen möglichen Kriseninterventionen beschäftigt, weil seine Geschöpfe, wir Menschen, nicht so recht zu dieser top gelungenen Schöpfung passen. Immer muss Gott eingreifen, mit der Sintflut gar vernichtet er alles - und ausgerechnet die Menschen nicht - und hat hinterher nichts damit gebessert. Und bei der Geschichte vom Turmbau muss er auch schon wieder eingreifen, damit diese kleinen Monster ihm nicht über den Kopf wachsen. Ein wenig ist das Ganze so wie mit der Coronapolitik, wo viel Versuch und Irrtum ist, weil man dergleichen zum ersten Mal macht.

 

In der alten Kirche gab es einen Theologen, Marcion heißt er. Dieser Mensch sagte: Die Schöpfung ist ja schon im Kern verhunzt. Und nicht durch menschliche Schuld, was fürn Blödsinn. Der Schöpfergott selber ist ganz einfach ein Pfuscher. Hinter der Maske der Allmacht und Güte hat er ein verunglücktes Machwerk zusammengebastelt. Diese erbärmliche Welt voller Leid, Unrecht, Gewalttätigkeit. Voll Geschrei derer, die ohnmächtig dem Treiben ihrer lieben Mitgeschöpfe ausgesetzt sind. Der wahre Gott, so schloss Marcion, der hat sich erst in Jesus Christus offenbart und hat mit dem ungeschickten Schöpfer nix zu tun

 

So weit müssen wir das nicht treiben. Wir sollten andererseits auch nicht so tun als wären wir Menschen für alles Schlechte oder Böse verantwortlich. Eine Schöpfung, die gestellt ist auf Fressen und Gefressen werden - und egal ob Tier ob Pflanze: solch eine Schöpfung ist zumindest verbesserungswürdig. So ist es kein Zufall, dass im Verlaufe unserer Bibel nach der Turmbaugeschichte die Erzähler mit Abraham neu anfangen. Mit ihm, wollen sie sagen, beginnt die Geschichte Gottes mit uns von vorn, als gesegnete Zeit.

 

Übrigens haben es auch in anderen Deutungen unserer Welt die Götter mit uns Menschen nicht leicht. Ein gewisses Misstrauen herrscht oft zwischen ihnen und uns, und das liegt oft daran, dass wir ihnen so ähnlich sind. Oder sie fast ein wenig Angst haben vor dem, wozu Menschen so imstande sind. In der antiken Sagenwelt ist es dem Menschen, der den Seinigen das Feuer bringt, übel ergangen. Das hatten die Götter nicht gewollt, dass diese Erdlinge das auch noch haben! Da regen sie sich mächtig auf im Olymp.

 

Auch in unserer Turmbaugeschichte war es ursprünglich womöglich mehr als ein Gott, der sich da Sorgen machte.  Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren! Heißt es noch in der heutigen Version. Manche glauben, hier spricht Gott zu den Engeln, oder er redet im Pluralis majestatis wie die Könige. Wahrscheinlicher ist, dass die Erzählung aus einer Zeit stammt, in der man mit vielen Gottheiten zu rechnen gewohnt war. Einig waren sie sich darin, dass eine vereinte Menschheit vielleicht doch kein guter Gedanke wär.

 

Längst schon empfinden du und ich das anders. Viele verschiedene Sprachen, im Wortsinne allein schon sind sie eine Belastung. Noch mehr aber im übertragenen Sinne. Wenn dein Gegenüber und du nicht dieselbe Sprache sprechen, weil ihr von ganz verschiedenen Meinungen und Weltsichten herkommt. Dass es spätestens seit den alternativen Wahrheiten von Donald Trump auch sehr verschiedene Arten von Wahrheit gibt, spüren wir. Auch wenn es dergleichen schon vorher gab, zum Beispiel in der Zeit des Kalten Krieges. Heute, im Verlauf der Coronakrise, haben zum Beispiel Menschen, die Verschwörungstheorien anhängen, ganz offenbar ein anderes Verständnis von Wahrheit und von Logik als andere.

 

Missverstehen tut weh. Jedes Nichtverstehen ist ein Riss zwischen Menschen, die eigentlich doch verbunden sein wollen und das auch nötig haben, einander verbunden zu sein. Die darauf angewiesen sind, ein Echo zu finden Ja, ich verstehe, was du meinst. Ich teile das mit dir, deine Gedanken, deine Meinung, deine Gefühle. Wir brauchen das wie die Luft zu Atmen. Nichts ist so schlimm wie das Empfinden, dass auf der ganzen Welt niemand ist, der imstande ist mich zu verstehen, wenigstens ein Stück weit. So weit ich verstanden werden will

 

Darum ist die Geschichte vom Turmbau zu Babel eine traurige und tragische Geschichte. Ihr wurde bald die Pfingstgeschichte gegenübergestellt: Nein, die Menschen haben nicht plötzlich die eine Sprache zurückbekommen. Jeder hat immer noch seine. Aber Gottes Geist sorgt dafür, dass sie verstehen. 

 

Ich verweise gern drauf, dass Verstehen nicht zufällig mit Stehen zu tun hat. Wo ich stehe, kannst du ganz unmöglich zum selben Zeitpunkt stehen. Du stehst in jedem Falle immer woanders als ich. Bestenfalls dicht bei mir. Ich verstehe dich ja ist darum ein zwiespältiger Satz. Denn um das zu tun, müsstest du genau da stehen, wo ich stehe.

 

Ich begreife das ganz wörtlich. Wenn ich dich verstehen will, muss ich sehen, dass ich meine Position ändere. Dahin komme, wo du stehst. Ungefähr! Und dann können wir, dicht beieinander, gemeinsam auf jenes andere schauen. Dahinten in der Ferne oder gleich vor der Nase. Können gemeinsam schauen und uns austauschen über das, was wir da, ungefähr aus derselben Perspektive, sehen.

 

Das ist dann schon sehr viel! Das ist vielleicht Verstehen. Wenn man sich versteht, zwei, drei, viele: dann kann es sein, dass Gottes Geist im Raum ist. Ein Dauerzustand ist es nicht, aber das Göttliche haben wir auch nicht dauerhaft.

 

Amen

Pastor Andreas Lux

 

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