Geistliches Wort

Hier finden Sie Gedanken zum Thema des Sonntags im Kirchenjahr.

Exaudi 2020

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR;

sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.

Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.                       Jer 31,31ff

                                                                                      

Mendel kommt zum Wunderrabbi. „Jemand hat meinen neuen Regenschirm gestohlen. Es muss einer aus meiner Familie sein: Der Schwager, die Schwiegermutter, das Dienstmädchen, vielleicht sogar mein Bruder. Es ist unerträglich, was mach ich nur?“ Der Rabbi überlegt. „Hör zu. Lade die ganze Familie zum Kaffee und Kuchen ein. Und wenn ihr gegessen und getrunken habt, hol die Bibel hervor und lies langsam die Zehn Gebote vor. Wenn du zum Gebot kommst du sollst nicht stehlen, dann schau alle heimlich aus dem Augenwinkel an. Du wirst sehen, der Dieb wird sich verraten.“

 

Nach zwei Tagen kommt Mendel mit leuchtenden Augen wieder an. „Der Rat war großartig! Ich hab es ganz genau gemacht, wie du gesagt hast. Ich hab die Bibel genommen, die Gebote aufgeschlagen und langsam vorgelesen. Und wie ich ans siebte Gebot komme du sollst nicht ehebrechen – da ist mir eingefallen, wo ich den Schirm hab stehen lassen!“

 

Was lernen wir aus so einer Geschichte? Ich lerne zuerst dieses: Alle Gebote, welche immer es sein mögen: Sie wenden sich nicht an die anderen, sie richten sich zuerst an mich. Ich bin derjenige, der gemeint ist, und nicht der böse Nachbar. Das ist das erste. Das zweite: Alle Gebote werden irgendwann von irgendwem auch übertreten, sonst gäbe es sie nicht. Es wirkt paradox: Ein Gebot ist so lange sinnvoll, wie man geneigt ist, es zu übertreten. Wenn es anders wär, wäre es überflüssig.

 

Das Gebot richtet sich zuerst an mich. Wasser predigen und Wein trinken, das kommt ganz schlecht an, schon bei den kleinen Kindern. Alle Gebote werden irgendwann von irgendwem übertreten. Schauen wir uns die Zehn Gebote an: Götzendienst. Mord, Ehebruch, Diebstahl, Raub, üble Nachrede, Arbeiten bis zum Krankwerden. Wenn wir das sehen und uns klar machen, dass alles dies ständig von irgendwem übertreten wird, dann kommt man schon ins Grübeln: Was für eine kriminelle Energie steckt doch in uns Menschen.

 

Der Profeten Jeremia spricht davon, dass niemand uns all unsere Grundregeln und Gebote noch wird vorhalten müssen noch mit Gewalt ihre Befolgung erzwingen. Denn von innen heraus geben die Menschen ihre Zustimmung zum Willen Gottes.

 

Aber heißt das schon, dass wir Gottes Willen dann auch tun? Ist es nicht schon jetzt so: Was richtig wäre, wissen wir oft sehr genau. Aber dass wir auch danach handeln, ist nicht selbstverständlich. Andererseits übertreten wir die meisten Regeln und Gebote, deren Sinn wir nicht sofort einsehen, sobald keiner hinsieht und uns das nützlich scheint. Denken Sie an so manche Tempo-Dreißig-Zone in Kronshagen.

 

Kinder wie Erwachsene verstoßen auch gegen Gebote, wenn sie von deren Sinn im Grunde überzeugt sind.

 

Mir fällt da die Schwarzarbeit ein: Im Grunde sehen wir schon ein, welchen milliardenhohen Schaden die schwarze Beschäftigung in unserer Gesellschaft anrichtet. Aber die meisten fragen sich doch: Warum soll ausgerechnet ich jetzt mit dem Gutsein den Anfang machen? Ausgerechnet jetzt, wo die Autoreparatur schwarz nur die Hälfte kostet und ich schließlich noch Geld für den Urlaub brauche?

 

Also: Selbst wenn Gott sein Gesetz und seine Gebote in unser Innerstes legt, ist nicht alles gelöst. Die Kluft zwischen Sollen und Tun wird dann eher noch schmerzhafter. Darum läuft die Verheißung des Profeten auch nicht darauf hinaus, dass alle das Gute tun. Sondern dass Gott uns vergibt und wir uns unsere Verfehlungen nicht gegenseitig aufrechnen und aufhören, zuerst vor der Tür des Nachbarn zu fegen, sozusagen. Es wird keiner den andern lehren „erkenne den Herrn“, sondern sie sollen mich alle erkennen, klein und groß, denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben.

 

Ich glaube, so lange wir leben kommen wir nicht aus diesem Zwiespalt heraus: Dass wir natürlich von den anderen erwarten, dass sie sich an die Regeln halten. Und dass wir selber ganz gut wissen, was richtig ist. Aber der Schritt von der Erkenntnis zum Tun ist ein ganz, ganz weiter ist und verläuft sich manchmal eben.

 

Um dem Ganzen Nachdruck zu verschaffen, wirft der Profet hier den Begriff des Bundes in den Ring.   

Dieses Bild, dass Gott einen Bund schließt mit einem Volk, das haben sie aus ihrer Umwelt abgeguckt, damals. Mächtige Großherrscher haben seinerzeit mit den kleinen Nachbarstaaten so einen Bund geschlossen. Ein Riese und ein Zwerg. Der gefährliche große Nachbar und das kleine Völkchen daneben – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Solch ein Bund, der auch ein Schutzversprechen einschließen konnte, das mochte gut gemeint sein vom Großen. Solche Gedanken werden auch Pate gestanden haben bei dem Versuch, das Verhältnis Gottes zu Israel zu beschreiben. Oft geriet so ein Bund aber ähnlich dem Muster, das die Mafia bei ihren Schutzgeldzahlern befolgt: der Kleine hat gar keine Wahl.

Natürlich bekommt die Vorstellung vom Bund in der Bibel Korrekturen: Das Ganze geschieht zum Wohle des kleineren Partners Israel. Wenn ich mir freilich die Geschichte Israels ansehe, dann frage ich mich schon, ob die Rechnung  aufgegangen ist. Für Jeremia jedenfalls nicht. Und nicht zufällig spricht Jesus in den Einsetzungsworten zum Abendmahl von einem neuen Bund. Was genau er aber damit gemeint hat, das wissen wir nicht. In jedem Fall etwas anderes als das Gehabte.

Darum ist mir die Bundesvorstellung, wie sie mir in weiten Teilen der Bibel begegnet, auch dubios. Der Grundgedanke ist stets: Gott ist gut zu dir, wenn du das und das tust. Das ganze Alte Testament und zum Teil auch das Neue sind durchzogen von diesem „wenn…dann“. Ist das wirklich ein hilfreicher Gedanke, wenn ich mir das Verhältnis des Menschen zu seinem Ursprung vergegenwärtige? Auf ein Eheversprechen, das ja auch eine Art Bund darstellt, angewendet hieße das: Wenn du mir treu bist, dann bin ich dir auch treu. Wenn nicht, dann fahr zum Teufel. Könnte man dann auch einführen als Hochzeitsliturgie. Warum tut mans nicht?

Vielleicht weil man spürt, dass Liebe nicht zusammengeht mit wenn-dann. Natürlich geht sie auch nicht zusammen mit Lüge und Untreue. Liebe und Bedingungen aber passen nicht zusammen. Das eine muss aus dem andern folgen, freiwillig, ohne Drohung. Ohne Verheißung auch. Was Jeremia hier Gott sprechen lässt, bewegt sich zumindest in diese Richtung.

Wir könnten nachmachen, was Gott an uns allen vormacht: Gebot und Regeln gelten ohne Einschränkung. Aber Gott kennt unsere Kraft, sie einzuhalten, wohl in jedem Einzelfall besser als wir selber uns kennen. Ob mit oder ohne Bund.

Amen, bleiben Sie gesund!

Pastor Andreas Lux

 

 


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